In aller Freundschaft: Was hat Feedback mit meinem Chef zu tun?
Geschrieben von Silke Katterbach
Neulich war ich seit langem mal wieder bei meiner alten Freundin zu Besuch. Ja, langsam könnte wirklich der Frühling kommen, da waren wir uns einig. Papst Franziskus macht die katholische Kirche sicher nicht zu einer zeitgemäßen Institution, in der Frauen, Homosexuelle und Andersdenkende akzeptiert werden; auch diese Ansicht teilten wir. Wie überhaupt wir uns sehr schnell wieder einfanden in unsere Einigkeit. Da kuscheln wir uns aneinander und fühlen uns so eng verbunden, dass keine Handbreit dazwischen passt. Meistens sind wir dann „gegen“ etwas, finden es überflüssig, bedrohlich, sorgenerregend oder falsch. Denn nichts verbindet Menschen eben mehr, als gemeinsame Probleme.
Wenn ich dann so mit meiner Freundin palavere, gibt immer die eine das Thema vor, die andere ist der gleichen Meinung, woraufhin sie weitere Beispiele des gleichen Themas findet. Das sieht dann so aus: Ich: „Das ist doch Mist!“ Sie: „Aber echt! Sowas ist mir neulich auch passiert!“ Ich: „Oh Mann, Du Arme!“ Und so tanzen wir uns gemeinsam durch unsere Problemwelt und sind uns sehr, sehr nah.
Letztes Mal jedoch war es anders. Einladend sprach meine Freundin (nicht besonders wertschätzend) über ihren Chef. Eine Zeit lang konnte ich ihr emotional zustimmend folgen, hier und da mit der Zunge schnalzen und dabei wissend den Kopf schütteln, bis sie plötzlich sagte: „Von dem gelobt zu werden ist eine absolute Abwertung! Das muss ich nicht haben!“
Oje, wo fange ich an? Wie kann ich mir ihrer Freundschaft sicher bleiben wenn ich jetzt anfange zu argumentieren? Sie sogar auffordere, ihr eigenes Verhalten zu überdenken? – Ich entscheide mich für eine eher defensive Strategie und frage nach. Ob das wirklich so grundsätzlich zutreffe? Und ob das nicht vielleicht auf Missverständnissen beruht? So könne man doch nicht langfristig zufrieden sein im Job, gab ich vorsichtig zu bedenken. Sie interpretierte meine Entgegnungen jedoch eher als solidarische Vertiefungsfragen zu ihrer Problemsituation und schüttelte nur den Kopf. Ja, sie habe es wirklich nicht leicht, aber so sei es nun einmal. Tiefer Seufzer. – Stille. Bis ich es nicht mehr aushalte: „So geht das doch nicht!“ rufe ich aus und ergreife die Gelegenheit, um über ein aktuelles Projekt zu berichten, in dem es darum geht, eine Feedback-Kultur zu etablieren, in der ganz grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass Feedback eine entscheidende Voraussetzung für persönliche Entwicklung ist und wie man es hinbekommen kann, voneinander zu lernen, statt übereinander schlecht zu reden. Ich rede und rede, beschreibe ihr, wie wir mit den Führungskräften anfangen, über kulturelle Werte zu sprechen und sie mit Handwerkszeug ausstatten, diese auch im Alltag umsetzen zu können. Sie stand auf. Ich dachte, sie kündigt mir die Freundschaft auf wegen mangelnder Solidarität. Sie holte aber einen Ordner aus dem Regal, schlug ihn auf und reichte ihn mir. Ich lese: „Einladung zum Workshop: Feedback als Führungsinstrument. Kulturelle Grundlagen verstehen und Feedback üben“.
Ich konnte nur noch einmal tief einatmen und „Na also“ sagen. Wir tranken in Ruhe noch eine Tasse Kaffee und ich wünschte ihr beim Rausgehen noch viel Spaß und Erfolg für den Workshop.
