Das Horrorteam – oder: Monsterbändigung
Geschrieben von Silke Katterbach
Die Mail des Kollegen klang verzweifelt: Hier geht nix mehr! Die Jungs im Team machen sich gegenseitig zur Schnecke. Kann sein, dass die bald anfangen, sich zu hauen! Was kann man denn da machen? Hier meine Antwort:
Lieber Karl-Heinz!
Du kannst mal nix machen! Vielleicht höchstens versuchen, ruhig weiter zu atmen. Die Grundhaltung muss sein: Die Jungs haben ihre Konflikte selbst gemacht, also wissen sie auch am besten selbst, wie sie ihn wieder loswerden. Jeder Mediator weiß, wie schnell man in Konflikten als „Verbündeter“ missbraucht und damit unbrauchbar für die Konfliktlösung wird. Also TOP 1: Regeln des Umgangs miteinander und Verantwortlichkeiten klären! Unterschreibt jeder im Raum das gemeinsame Ziel, den Konflikt zu lösen und seinen Anteil dazu beizutragen? Dann wieder atmen! Jetzt werden die Themen gesammelt, die es zu besprechen gilt. Jede „Partei“ darf max. fünf Themen benennen. Und schon jetzt wirst du dankbar sein, dass du Regeln für den Umgang miteinander hast unterschreiben lassen. Wenn das Testosteron oder andere Hormone die Oberhand gewinnen, kannst du jederzeit vertagen! Dann geht es an die Klärung und das kann hart sein: die erste Gruppe fängt an und formuliert ihr erstes Thema vielleicht so: „Die sind einfach zu doof, uns das Material anständig zu übergeben!“ Du paraphrasierst die Aussage so, dass der Angriff raus ist, z.B.: Verstehe ich das richtig? Die Materialübergabe ist es, die nicht so verläuft, wie Sie sich das vorstellen?“ „Ja.“ „Gut. Dann die Frage an die andere Gruppe: Wie kommt das bei Ihnen an?“ – Tumultartige Wortmeldungen gilt es hier dringend zu übersetzen und immer wieder an die vereinbarten Regeln zu erinnern. Ich garantiere: bei den anderen kommt es anders an. Eher wie: „Wir sind etwas Besseres, wir wissen immer, wie es zu sein hat und ihr seid doof.“ Dann wendest du dich der ersten Gruppe zu und fragst sie, ob sie das auch so sagen wollen. Ich sage dir vorab, jetzt wird es zäh. Denn wenn die Antwort lautet: „Ja, das wollen wir genau so sagen!“ gehst du zurück auf Los und erinnerst sie an das gemeinsame Ziel der Konfliktlösung. Wenn sie das so nicht meinen, müssen sie so lange nach einer Art suchen, adäquat zu kommunizieren, bis es bei den anderen genau so ankommt, wie es tatsächlich gemeint ist. Dann ist die andere Gruppe mit ihrem ersten Thema dran und so weiter immer abwechselnd, bis alle Themen besprochen sind.
Ich weiß, das klingt nicht einfach, lieber Karl-Heinz! Konflikte sind in der Regel emotionaler Art, deshalb lassen sie sich rational oft nicht lösen. Auch wenn es den Leuten schwer fällt, sie müssen sich ihren eigenen emotionalen Auslösern für den Konflikt stellen und über stete Wiederholung üben, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie sie sich verhalten. „Teamspiele“ sind in dieser Situation eher kontraproduktiv.
Bleibt mir nur noch, dir viel Glück zu wünschen bei deiner ersten Mediation, lieber Kollege!
