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Weniger ist mehr

Geschrieben von Silke Katterbach

Hommage an meine Omma (westf. für Großmutter)

Ich denke oft an meine Omma, gerade neulich, als ich an einer Blogparade zum Thema „Weniger ist mehr“ teilnehmen wollte. Omma heißt sie deshalb, weil sie, genau wie ich, aus dem tiefsten Westfalen stammte. Und da sagt man eben Omma statt Oma. Ich dachte aber nicht nur an sie, weil die Bedeutung des „Weniger ist mehr“ einen starken Bezug zu ihr und ihrer Zeit hat, sondern auch, weil sie den Begriff „Blogparade“ mit „Sech datt mol op Platt“ kommentiert hätte. In einer vernetzten Welt mit unzähligen Möglichkeiten fände sie, Jahrgang 1901, sich nicht mehr zurecht. Ihr Kosmos hörte jenseits der plattdeutschen Sprache auf. Da wollte sie auch gar nicht hin. Das Weniger war also für sie quasi Programm. Um ihre pragmatische Bescheidenheit könnte man sie heute wirklich etwas beneiden. Als sie mithalf, unser Land ein zweites Mal nach einem grausamen Krieg aufzubauen, lag Luxus gleich neben Wahnsinn, Hunger gleich neben Völlerei, Bigotterie gleich neben Hemmungslosigkeit. Ihr Umgang damit war ganz einfach: „Sparen is heppen und kreigen de Kunst“ (Sparen ist Haben und Kriegen die Kunst): sei redlich, sei kreativ, das war die Botschaft an ihre Kinder und Enkelkinder. Lebte meine Großmutter heute noch, sie dächte wahrscheinlich, dass sich die Menschheit entschieden hat; für den Wahnsinn, die Völlerei und die Hemmungslosigkeit, ohne sich Gedanken über eine bessere Lösung zu machen.

Nun war mit Sicherheit früher nicht alles besser! Doch das Weniger, das ich von meiner Oma kenne, war tatsächlich mehr: eine Reduktion auf das Wesentliche. Für mich bedeutete es nämlich, mich mit meinen Wünschen auseinanderzusetzen und zu lernen, sie von den Notwendigkeiten zu unterscheiden. Diese Kompetenz hilft mir im Alltag oft, einfach nein zu sagen. Was wir nun heute als das Wesentliche oder Notwendige ansehen, ist recht unterschiedlich. Gehören Mobilität, Wohlstand, Karriere dazu oder nicht?

Weniger ist für mich heute eindeutig der Verzicht auf materielle Werte. Nicht bis zur Askese aber so weit, dass ich in einer materiellen Welt leben kann ohne mich ständig erklären zu müssen. Mehr bedeutet in meiner Welt Zeit zu haben. Mein beruflicher Hindernislauf bestand immer wieder aus Richtungswechseln zugunsten einer gelebten Werteorientierung. Meistens war das verbunden mit einem Verzicht auf Materielles, sprich: Geld. Und doch lebe ich heute in respektablem Wohlstand.

Weniger bedeutet für mich, etwas von dem, was mir wichtig ist in das „Gesamtsystem“ einzuspeisen, indem ich mich ehrenamtlich betätige. Die Währung im Ehrenamt ist die Zeit. Mein Engagement im Kinderhospiz Löwenherz „kostet“ mich Zeit und gibt mir dafür immer wieder gute Antworten darauf, worauf es tatsächlich ankommt: wohlwollendes und wertschätzendes Miteinander. An der Uni versuche ich, den Studenten kognitive Einsichten zu ermöglichen, dass dieses wohlwollende und wertschätzende Miteinander mehr ist als eine alberne Kuschelphilosophie, nämlich ein Erfolgsrezept für Kreativität, Intelligenz und Innovation; auch und besonders in der Wirtschaft.

Und was noch? Unsere Ära steht für mich auch im Zeichen einer dringend notwendigen und tatsächlich konsequent umgesetzten Energiewende. Wir alle müssen begreifen, dass der Konsum- und Wohlfühlluxus der vergangenen Jahrzehnte viel gekostet hat und wir jetzt die Rechnung begleichen müssen; nicht nur mit Verzicht, sondern auch mit intelligenteren Lösungen. Privat und beruflich werde ich mich noch stärker dafür einsetzen. Bei all dem freue ich mich auch darauf, über Aktionen wie die Blogparade an werteorientierten Diskursen teilzunehmen und daraus immer wieder neue Anregungen zu bekommen.