Krieg
Geschrieben von Silke Katterbach
Wie kann das sein? Unvorstellbare Grausamkeiten werden von Menschen begangen, die in ihrem Privatleben als harmlos oder gar friedfertig gelten. Die Krisenherde kennen wir aus den Medien: Israel, Gaza, Ukraine, Libyen, Syrien, … und: Vertrieb gegen Produktion oder IT gegen HR. Ja, richtig. Ein rüder Vergleich. Doch finden wir in unseren alltäglichen Auseinandersetzungen die gleichen Konfliktstufen wie im „richtigen“ Krieg. Friedrich Glasl, österreichischer Ökonom und Organisationsexperte beschreibt sie so: 1. Verhärtung, 2. Debatten, 3. Taten statt Worte, 4. Koalitionsbildung, 5. Gesichtsverlust, 6. Drohstrategien, 7. Begrenzte Vernichtungsschläge, 8. Zersplitterung und 9. Gemeinsam in den Abgrund.
Als jemand, der selber schon den einen oder anderen Konflikt durchlebt hat weiß ich, dass ich unterschiedlich empfänglich für Auseinandersetzungen bin. Meine momentane Verfassung spielt eine Rolle, Sympathie oder Antipathie, der Kontext, in dem der Konflikt stattfindet und vor allem, worum es geht! Geht es „nur“ darum, den Bestellprozess für externe Dienstleistung an das IT-System anzupassen oder gibt es eine Geschichte dahinter? Nämlich z.B., dass IT sich schon seit langem einbildet, immer Recht zu haben oder gar der Teamleiter Müller mir unterstellt, ich nähme meinen Job nicht ernst. Jetzt wird es interessant! Es geht nämlich nicht mehr um den Arbeitsprozess, sondern um mich, meine Werte, meine Persönlichkeit. Da muss ich dann mal deutlicher werden. Das kann man sich doch nicht gefallen lassen!
Und um es noch etwas komplizierter zu machen: Nicht jeder Mensch ist so gestrickt wie ich. Es ist meine ganz eigene Persönlichkeitsstruktur, die mich auf bestimmte Auslöser anspringen lässt. Da nutzt es wenig, wenn mir mein Mann sagt, dass man sich doch DARÜBER nicht aufregen müsse. Stimmt! MAN muss das nicht, aber ICH muss es. Manchmal (in der Phase 4, der Koalitionsbildung) habe ich Verbündete. Mein Team findet das nämlich genau wie ich einfach u n v e r s c h ä m t! Das gemeinsame Feindbild verbindet uns dabei mehr als 100 Teamentwicklungen. Nur leider ist keine Lösung in Sicht und wir verbrauchen Unmengen Energie für den Konflikt. Die Kraft fehlt dann oft an anderen Stellen schmerzlich.
Was also tun, wenn aus meiner Sicht doch völlig klar ist, dass die Schuld auf der anderen Seite liegt? – Innehalten! Jemanden involvieren, der sich damit auskennt. Jemanden, der weiß, dass „anders“ nicht gleich „schlechter“ ist und dass Konflikte eine Eigendynamik haben. Ich rede von Watzlawicks Inhalts- und Beziehungsebene. Im Konflikt überlagert die Beziehungsebene die Inhaltsebene. Da ist mit Sachlichkeit oft nichts mehr zu machen. Mal ehrlich: Verhandlungen über einen Waffenstillstand im Gaza-Konflikt zu führen wenn der über Generationen gewachsene Vorwurf des Mordes und des Völkerhasses im Raum steht, ist nicht einfach und gelingt auch nur bedingt. An dieser Stelle meine Hochachtung vor Politikern und Diplomaten, die genau das tun was ich versuche, in diesem kleinen Beispiel zu beschreiben. Nur hängen Menschenleben daran.
In dem Abteilungsbeispiel: Mit jedem Satz, den der Kollege aus der IT mir über den Prozess sagt, sagt er mir etwas über unserer Beziehung. Und mein Wahrnehmungsfilter sorgt dafür, dass das nicht freundlich für mich klingt. Erst, wenn unser Beziehungsproblem gelöst ist, können wir sachlich über den Arbeitsprozess reden. Eine Mediation bereitet den Boden dafür, indem sie offenlegt, was auf den beteiligten Seiten hinter dem Konflikt steckt. Für mich heißt das: Hosen runterlassen, offen mit meinen Gefühlen umgehen, Vertrauen geben und darauf hoffen, dass darüber Vertrauen bei meinem Gegenüber entsteht. Den IT-Kollegen als eine Person wahrnehmen und mich ehrlich für dessen „Welt“ zu interessieren, um zu verstehen, was für ihn die Wurzeln in unserer Auseinandersetzung sind. Unter der sichtbaren Oberfläche auf die Suche zu gehen nach einem Ansatzpunkt für Verständnis. Ich muss dabei eine große Hürde überwinden. Das ist anstrengend! Und lohnenswert. Denn alles ist besser als Krieg!
